„Wir bewegen uns von Social Media zum Social Business“ – Erich Joachimsthaler im Interview

Erich Joachimsthaler unterstützt weltweit Unternehmen dabei, richtungsweisende Innovations-, Wachstums- und Marketingstrategien zu entwickeln. Am MIF Europe 2012 in München wird er Ihnen Strategien näherbringen, wie Sie Innovation im Unternehmen dauerhaft fördern und managen.

Im Interview hat er uns einen kleinen Vorgeschmack auf seine Keynote im Februar geben können.

1. Welche Rolle spielt ein gezieltes Innovations-Management für erfolgreiches Marketing bzw. Vertrieb? Wie müssen sich Unternehmen in diesem Bereich auf die veränderten Vorzeichen, bspw. Stichwort Social Media, einstellen?

Es existieren hier zwei hauptsächliche Aufgaben für das Innovationsmanagement:

Erstens stellt es sicher, dass Innovation zum Kunden oder Konsumenten keine gelegentliche Angelegenheit, sondern ein systematischer und sich wiederholender Prozess mit Innovationen darstellt, um abermals zu gewinnen. Es herrscht die Illusion, ein Unternehmen müsse die nächste große Idee finden, aber das ist ein Trugschluss. Es ist wie der Versuch, den Goldtopf am Ende des Regenbogens zu finden. Es ist wie romantischen Träumen nachzujagen. Ein zielorientiertes Innovationsmanagement stellt sicher, dass kleine wie große Ideen systematisch in Innovationen umgesetzt werden. Es stellt sicher, dass ein Unternehmen ein System bereithält, im Markt zu gewinnen. Die gelegentliche Brillanz einer einzelnen Person in einer Firma ist nicht ausreichend, um heutzutage zu gewinnen. Sie müssen sicherstellen, dass sie immer und immer wieder gewinnen.

Zweitens stellt Innovationsmanagement sicher, dass Innovationen nicht ausschließlich produktgetrieben sind und bei Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen das volle Spektrum an Innovationen einer Unternehmung zur Verfügung stehen. Hilfreich ist hier, verschiedene Perspektiven verschiedener Funktionsbereichen zu integrieren, von Marketing, Finanzen, Operation und F&E.

2. Aus welchen Gründen bleiben Chancen für Innovation in Unternehmen oftmals ungenutzt?
Der wichtigste Grund für entgangene Chancen ist der Erfolg der Vergangenheit. Erfolg erzeugt nicht Erfolg, er erzeugt Versagen. Je erfolgreicher ein Unternehmen, desto mehr werden die sich bietenden Chancen aus der eigenen Perspektive, den eigenen Möglichkeiten, der eigenen Produkte und Dienstleistungen betrachtet. Der Blickwinkel verengt sich auf bestehende Kunden und Produkte. Je erfolgreicher man ist, desto eher übersieht man die ganz offensichtlichen Chancen.

3. Über Social Media hat die Branche 2011 intensiv diskutiert – ist dieses Thema zwischenzeitlich bereits in den Unternehmen angekommen? Ist es fester Bestandteil im Marketing-Mix? Muss jedes Unternehmen in Social Media aktiv sein?
Wir bewegen uns gerade von Social Media zum Social Business. Gerade erst realisieren Firmen, dass Social Media Aktivitäten nicht nur aus Facebook, LinkedIn und Twitter bestehen. Unternehmen entwickeln gegenwärtig erst ein unternehmerisches Verständnis für „Social Technologies„ und soziale Netzwerke. Als Teil dieser neuen Perspektive integrieren sie vollends „Social Technology“, Social Media und soziale Netzwerke in jedem Aspekt des Marketing Mix, von der Generierung von Konsumentenverständnis, dem Markenaufbau, dem Kundendienst, dem Customer Experience Management (CRM), zu Marktforschung und mehr. Wir befinden uns in einer totalen Veränderung in der Definition, was „Social“ wirklich für Unternehmen bedeutet. Ja, jedes Unternehmen muss in diesem Bereich aktiv sein, keine Frage.

4. Wo sehen Sie die nächste große Revolution in Sachen Marketing?
Wir befinden uns inmitten drei großer Trends: der wachsenden Allgegenwärtigkeit technischer Geräte, der unbegrenzten Menge an Speicherkapazität und dem Wachstum von Netzwerken jenseits des Internets. Diese drei Trends verschwören sich, den traumatischsten  Wandel der letzten 50 oder 60 Jahre im Marketing zu generieren. Das Schlagwort ist hier nicht „Push“, sondern „Pull“. Die Konsumenten werden in der Lage sein, nahtloser denn je mit Marken zu interagieren. Die Konsumenten werden entscheiden, an welchen Markenwelten und Ökosystemen sie teilenehmen möchten, und anderen fern bleiben. Jene, die Zugang zu diesen erhalten, werden sich im täglichen Leben mit diesen nahtloser denn je verbinden – durch alle Arten technologischer Errungenschaften inklusive mobiler, standortgebundener, Visusalisierungtechniken, neuen Suchtechniken und mehr.

5. Die Gesellschaft wird nicht nur in Sachen Telekommunikation immer (orts)ungebundener. Welchen Einfluss wird das Mobile Marketing auf die Werbebranche und das Kaufverhalten in Zukunft ausüben?
„Mobile“ [Marketing] wird die nächste große Herausforderung darstellen. Es wird die Werbebranche ebenso stark beeinflussen wie das Kaufverhalten von Konsumenten und Kunden.

6. In Europa ist das nächste Rettungspaket verabschiedet worden, die US-Märkte stecken weiterhin in einer großen Flaute – welchen Einfluss glauben Sie, werden die aktuellen Geschehnisse auf das Marketing und den Vertrieb haben?
Die Vereinigten Staaten werden stärker den je aus dieser „Flaute“ hervor gehen. „Not macht erfinderisch“, besagt ein altes Sprichwort. Über die ganze USA verteilt, insbesondere aber in New York City und dem Silicon Valley, herrscht eine außergewöhnliche Resonanz bezüglich neuer Technologien und es existiert ein gut geschmiertes Ökosystem, welches Innovation ermöglicht und am Markt platziert.

7. Was können wir von Ihnen am Marketing & Innovation Forum Europe 2012 erwarten?
Ich lebe in beiden Welten, den Vereinigten Staaten und Europa. Mein Blickwinkel wird daher die Vereinigten Staaten und Europa überspannen. Am wichtigsten jedoch ist, dass ich sehr stark an das Sprichwort glaube, dass die Rolle des Marketing in der Schaffung des Kunden besteht (Peter Drucker). Wenn dies zutrifft, dann eröffne ich einen einzigartigen Einblick – den wir die „Outside-in“- Perspektive nennen – in die Art und Weise, wie Innovationen Unternehmenserfolg vorantreiben. Ich denke, Firmen versäumen Innovationen immer wieder, indem sie die Welt der Kunden im Sinne von Zielen begreifen (ich hoffe, dass zielorientiertes Innovationsmanagement nicht unterstellt, die Kunden seien das Ziel). Die Kunden wollen nicht als Zielscheibe verstanden werden. Sie stehen nicht am Ende einer Schießbahn, darauf wartend, dass sie sich mit Ihren Botschaften an sie richten und schmerzhaft erschossen zu werden. Ich kann Ihnen eine Perspektive aufzeigen, wie Unternehmen, welche erfolgreich Innovationen betrieben wollen, die sich bietenden Chancen der unternehmensexternen Welt wahrnehmen sollten.

8. Worauf freuen Sie sich am meisten am Marketing & Innovation Forum?
Die Interaktion mit den Teilnehmen und anderen Rednern; ich würde gerne die anderen Vorträge der Konferenz anhören und verinnerlichen.

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